Granada

12.2.2009: Muy bien

Februar 13th, 2009

Ich habe es ja gewusst: Ich kann in meinem Zimmer schlecht schlafen. Als ich mich ins Bett legte hörte ich zwar das ständige Brummen des Fahrstuhls, was sich so anhört, als würde andauern der Kühlschrank anspringen, damit konnte ich mich noch abfinden. Nerviger wurde es dann schon als draußen dauernd das Licht anging und in mein Fenster strahlte. Ok, auch hier konnte ich den Rollladen schließen. Penetrant wurde es dann heute morgen als das Türgeklappe losging. Das ist wie im Taubenschlag. Wenn die Leute - ins besondere die eine Frau mit ihren Absätze - durch die Etage rennen, ist es, als liefen sie direkt an meinem Bett vorbei. Theoretisch stimmt das ja. Es ist ja nur eine 10 cm dicke Mauern dazwischen. Die Krönung war, als ich dann hörte wie das Toilettenwasser der oberen Etagen durch die Rohre in meiner Wand rauschte. Wie kann man denn so wohnen? Das ist doch die Hölle. An meine Ohrstöpsel haben sich meine Ohren dann mal wieder insoweit angepasst, dass es keinen Unterschied machte, die nun drin zu haben oder nicht. Mal sehen, wie die heutige Nacht wird. Ich bin jedenfalls gerade hundemüde. Das wird aber auch an der Lasagne von eben liegen.

Ana, meine Mitbewohnerin, hat mir ein Tiramisu mitgebracht. Muy bien. Wir aßen dann zusammen in der Küche und versuchten uns so gut wie möglich zu unterhalten. Ich bin sicher, so wenig ich sie verstehe, so wenig versteht sie mich. Aber noch kann sie dabei lachen. Immerhin breche ich mir gewaltig einen ab, etwas mit den paar Wörtern zu sagen, die ich kenne.

So habe ich heute auch wieder Vokabeln bearbeitet. Zwischendurch war ich allerdings mit anderen Erasmusstudentinnen verabredet. Schon komisch, dass ich - egal wo - immer erst Mädels kennen lerne… Erst sollte ich mich mit einer heute treffen, letztlich waren es fünf. Dazu gesellten sich dann aber doch noch zwei meines Geschlechts. :) Wie sollte es anders sein, war darunter wieder ein Christian. Und der wohnt sogar im gleichen Viertel wie ich. Der Name muss einen Fluch beherbergen. So trafen wir uns also zu acht im Zentrum von Granada und suchten das nächste Café. Perdone, hier heißt es ja “bar”. Café ist eher unüblich, aber steht hier zur Orientierung auch an den Bars. Es war für mich interessant mal zu sehen, wie acht grundverschiedene Leute miteinandern zurecht kommen, die sich gerade erst begegnet sind. Natürlich haben sich schnell die ersten Sympathien entwickelt, wobei nicht jeder zu jedem den Zugang hat. Ich bin gespannt, wie viele davon sich bei mir wieder melden. Die Kommunikation über das StudiVZ lief ja bisher mit allen gut. Mal sehen. Für Samstag ist jedenfalls mit Martin und Christian eine Bartour angesetzt. In Wien - da kommt Martin her - macht man an jeder Bar halt, an der man vorbeikommt, und trinkt ein Bier. Solange bis man dicht ist. Das hieße für mich, dass ich nach der ersten Bar nicht mehr dabei bin. :) Muy bien.
Nach intensivem Lernen der Zeitformen heute, hoffe ich, dass ich die morgen auch noch beherrsche und nicht wieder von vron anfange. Es funktionierte heute gerade so einigermaßen. “Zwei wochen”, meinte Kerstin, und dann habe ich mich an die Sprache gewöhnt. Wird sich zeigen. Morgen früh treffe ich mich mit Malina, um in die Soziologiefakultät zu gehen.

An der Fakultät ging ich heute bereits vorbei. Das hat mir erneut vor Augen geführt - und eindeutiger geht es wirklich nicht - welchen Stellenwert die Soziologie immer noch hat: Ich weiß gar nicht, wie ich die Hässlichkeit des Gebäudes beschreiben soll… Ein grauer Betonkasten mit einem Eingang und Fenster. Auch das Politikgebäude sieht nur minimal besser aus. Ringsumher prankt anadalusischer Baustil.

Buenas noches

11.2.2009: Nicht lustig

Februar 12th, 2009

Vier Stunden später…

Ana ist eingezogen. Jetzt weiß ich auch gleich, warum ich mich vorhin nicht wohlgefühlt habe: Ich verstehe wieder kein Wort. Sie versucht sich mit mir zu unterhalten, aber ich kann kaum bis gar nicht reagieren. Ich höre nicht mal die Worte, die sie spricht. Ich weiß nicht, wo ein Wort endet und das nächste anfängt. Ich muss sie drei Mal erklären lassen, was sie gerade gesagt hat, obwohl sie langsam spricht… nur um ihr dann doch keine ausreichende Antwort geben zu können. Lo me siento. Wenn ich dann versuche über Englisch einen Ausweg zu suchen, ist das Chaos im Kopf perfekt.
Gibt es Menschen, die einfach nicht in der Lage sind andere Sprachen zu verstehen?  Ich verstehe nicht, wie das besser werden soll. Das ist deprimierend.

Auf jeden Fall ist meine neue Mitbewohnerin sehr freundlich. Hoffen wir mal, dass es so bleibt und sie nicht schon bald die Nase voll von meinem Unverständnis hat.

11.2.2009: Kleinigkeiten

Februar 11th, 2009

Ich war einkaufen im Mercadona (Supermarkt). In aller Ruhe habe ich mich dort erst einmal umgesehen: die Waren, die Beschriftungen, die Preise und die Qualität. Lebensmittel sind durchschnittlich teurer als in Deutschland bzw. in Leipzig. Wurst und Käse kostet schon mal bis zu einem Euro mehr. Obst hält sich die Waage. Tiefkühlgerichte sind dafür vergleichsweise ziemlich preiswert. Natürlich habe ich mich damit eingedeckt. Wobei das nicht heißt, dass es deswegen schlechte Kost ist. Kommt schließlich darauf an, was man daraus macht. Die Spanier haben auf jeden Fall eine Affinität zu Fisch. Selbst im Supermarkt sind frische Fischstände, so wie bei uns Blumenläden. Allerdings ist das nichts womit ich mich anfreunden werde. Tintenfisch, Kalamaris… Ich habe einen großen Bogen darum gemacht. Der Geruch bereitet mir schon leichtes Unwohlsein. Vielleicht treffe ich ja einen Einheimischen, der mich irgendwann mal zum Essen zwingt. An die typischen Teigwaren habe ich mich diesmal herangetraut. Ich bin beeindruckt, wie viel es gibt. Jeder kennt sicher Schokolade (Nutella) in Blätterteig. Das gibt es hier auch, nur wesentlich größer. Im Moment esse ich eine Tomaten-Paprika-Püree in Blätterteig. Muy rico! Die Blätterteiggebäcke sind hier Frühstück. Was mich natürlich nicht davon abhält zum Abend zu essen. ;) Beim Einkaufen habe ich im Nachhein auch eine Kleinigkeit entdeckt, über die ich mich freue: Hier verkauft man Senf, der original so schmeckt wie bei McDonalds. Das macht mir Hoffnung auch die anderen Soßen zu finden.

Ansonsten… Daniel ist heute abgereist. Irgendwie schade, aber ich weiß auch, dass es gut so ist. Bisher war er immer da und hat alles übersetzt. Jetzt bin ich mir mein eigener Helfer. Sobald er weg war, habe ich auch erst einmal hier geputzt. Ist zwar nicht so, als hätte er nicht sauber gemacht, aber es gab und gibt noch genug Dinge zu reinigen. Mein gelber Lappen war hinterher braun. No rico. Mein Zimmer habe ich damit mehr oder weniger eingerichtet. Und heute abend schlafe ich zum ersten Mal dort drinnen. Wenn ich mich zur Wand drehe, schaue ich direkt in eine ungeerdete Steckdose. :) Die einzige im Zimmer.

Meine Fotos dazu sind dann ab heute auch online.

Der erste Schock ist soweit verdaut. Wohl fühle ich mich zwar nach wie vor nicht, aber ich kann erst einmal mit der Situation umgehen. Hier kam so ziemlich alles das wieder auf mich zu, wovor ich den meisten Horror hatte. Selbst die Wohnung riecht wie eine Wachstube bei der Bundeswehr. Horror! Ich schätze, das waren zu viele unangenehme Eindrücke bei meiner Ankunft. Ich wohne nun allein - sollte nicht die nächsten Tage einer einziehen. Vielleicht bringt mir das die Zeit zu verdauen. Und immerhin treffe ich morgen die nächsten zwei Erasmusstudentinnen. Wenn auch nach wie vor Deutsche. Aber warten wir mal den Studienbeginn ab.

Und da ich einmal bei Frauen bin… Aus irgendeinem Grund haben die Spanierinnen eine bestimmte Grundnote. Sie haben fast immer einen bestimmten Geruch an sich, bei dem ich nicht weiß, ob er mich anzieht oder abstößt. Natürlich ist das wieder keinem aufgefallen, außer meiner Nase. Ich höre Dinge, die andere nicht hören. Ich sehe Dinge schneller als andere. Ich friere schneller. Ich rieche sogar mehr.

Gerade ist mein Vermieter wiedergekommen und hat eine Mexikanerin mitgebracht. Irgendwie fühle ich mich gleich wieder unwohler… Gerade hatte ich mich damit angefreundet allein zu sein und Ruhe zu haben. Hm…

10.2.2009: Ich bin ein Eramu

Februar 10th, 2009

Heute war meine Einführungsveranstaltung. Viele Erasmusstudenten waren da. Bestimmt 80 an der Zahl aus aller Herren Länder. Nur ich war der einzige Deutsche. Nicht nur, dass ich der einzige Deutsche war, es waren auch kaum “Singles” da. Offensichtlich kommt hier jeder Erasmusstudent mindestens zu zweit. Andere kamen sogar in ganzen Gruppen. Der Anblick war etwas irritierend. Der Hauptteil der Studenten sah nicht anders aus als Spanier. Vermutlich Italienier, Portugiesen, Lateinamerikaner etc. Jedenfalls sprachen sie alle spanisch. Scheinbar war ich mal wieder der einzige der fast nichts verstand.

Dementsprechend schwer war es der Veranstaltung zu folgen. Während ich mir anhörte, was eine Hand voll Verantwortliche zu sagen hatten, musste ich auch gleichzeitig meinen Immatrikulationsbogen ausfüllen und meinen Erasmuscode suchen. Natürlich habe ich nicht mal die Hälfte mitbekommen, ganz zu schweigen, dass sich einer die Mühe gemacht hat, langsam zu sprechen. Nebenbei wurde ich dann noch mit der Homepage der Universität verwirrt und durfte mich an einem Video von ganzen 2 Minuten länge über die Stadt und Uni erfreuen. Auf das Video scheint man stolz gewesen zu sein.

Da ich nicht alles verstanden hatte, musste ich nach der Veranstaltung noch einmal vor zu… wie war doch ihr Name… muss zwischen den vielen Worten untergegangen sein. Jedenfalls habe ich mir gut überlegt, wie ich frage, was ich wissen will. Natürlich - wie immer - sofort versprochen und den Satz ein zweites Mal angegangen. Erstaunlicherweise verstand ich sogar, was mir gesagt wurde. Wiederum konnte ich aber nicht erneut antworten. Aber immerhin…

Doch in öffentlichen Geschäften fällt mir das Verstehen gleich wesentlich schwerer. Ebenso als mein Vermieter heute da war. Er ist sehr nett. Aber auch ihn habe ich so gut wie kaum verstanden. Ich wusste irgendwie, was das Thema war, worüber er sich mit Daniel unterhalten hat. Doch alles, was kein Substantiv war, entzog sich meinem Verständnis.

Wenigstens weiß ich, dass ich meine Kaution wiederbekomme: Manuel - der Vermieter - ist von selbst darauf gekommen, meine Kaution mit den letzten beiden Monatsmieten zu verrechnen, so dass ich für Juni und Juli keine Miete zahle. Perfecto!

Begrüßt wurde ich heute übrigens auf der Versammlung mit: “Tu eres eramu?” Ich bin also ein Eramu. Gut zu wissen. Hier wird tatsächlich das S verschluckt. Es klingt, als spräche man ohne Zähne.

Aua… soeben sehe ich im TV einen Unfall beim Motocross… tot. Irgendwie scheint hier grundsätzlich alles im TV gezeigt zu werden und ist hier die Hemmschwelle weiter unten als in Deutschland. Mal sehen was mir noch so begegnet. Ich werde mal lieber noch ein paar Verben konjugieren… :)

9.2.2009: Kontakt zur Außenwelt

Februar 9th, 2009

*lach* Es kommt gerade Smallville im TV. Diese Spanier… nicht nur, dass sie jedes, aber wirklich jedes englische Wort oder jeden Titel ins spanische als Untertitel übersetzen, sie sind sowas von sprachfaul. Sie geben sich nicht mal ansatzweise die Mühe, vernünftig englisch zu sprechen. JEdes englische Wort wird in spanischem Akzent ausgesprochen. Das ist, als würden wir alle englischen Begriffen grundsätzlich mit hartem, deutschem - vielleicht noch sächsischem - Akzent sprechen. Bei den guten Serien SAGEN sie sogar die Titel mit spanischem Akzent. Da wird “Smallville” mal schnell zu “Smoll Vill” oder “McDonalds” zu “Mack Donald s”. Wer hat gesagt, die Franzosen sind dem Englischen abgeneigt? Der hat noch nie Spanier erlebt.

Das bringt mich auch gleich zum nächsten Punkt. Wo ist die leichte Lebensweise der Spanier? Wo ist das Flair? Das mediterrane Laissez-faire??? Alles was ich hier sehe, sind verkrampfte Gesichter, Unflexibilität und Intolleranz. Von wegen, die Spanier finden es gut, wenn man sich Mühe gibt, spanisch zu sprechen. Von wegen, sie geben einem die Zeit. Erstens quatschen sie trotz Kommunikationsschwierigkeiten einfach weiter als wäre nichts. Zweitens können sie keine einfache Frage ebenso einfach beantworten; sie müssen einfach einen Vortrag daraus machen. Drittens schicken sie einen davon, wenn man nicht schnell genug versteht. Die Spanier und ich werden noch - wenn hier mit der Sonne nicht bald ihr Lächeln zum Vorschein kommt - “gute Freunde”.

Nach einem kleinen Plausch mit Sara, einer Erasmusstudentin, und einer Nachricht einer anderen, kamen wir zu dem Ergebnis, dass das Spanisch, welches wir an unseren jeweiligen Universitäten gelernt haben, völliger Frust ist. Es taugt allenfalls zum Touristenspanisch. An dieser Stelle rate ich dir, Steve, dich gut und noch besser als gut, auf Barcelona vorzubereiten.

Trotz aller Sprachschwierigkeiten hole ich mir morgen endlich mal einen dieser riesigen Schokoladenkekse…

Erstmal geht es in eine Kneipe, wie ich gerade höre.

………………

Vier Stunden später wieder zu Hause. Es war eine Erasmushochburg - ein Irish Pub mit quiz night. Ganz nett, aber nichts verstanden, dementsprechend wenig unterhalten. Wobei es natürlich noch schwerer ist, bei Discomusik Spanisches herauszufiltern. Ich hätte nicht gedacht, dass ich selbst Sätze, die mir so vertraut sind ( Como te llamas? De donde eres?), wenn sie mir begegnen, nicht verstehe. Immerhin kann ich nach kurzem Überlegen Zahlen heraushören. Ich verstehe sie nicht grundsätzlich, gefühlsmäßig greife ich aber richtig beim Bezahlen ins Portmonaie.

So denke ich noch an meinen ersten café con leche in Granada, in Spanien. Ein Hochgenuss! Intensives, leicht nussiges Aroma, aber nicht so stark, dass ein Löffel darin stehen könnte. Bloß gut, dass Sara heute im Café dabei war. Da sie von vornherein den Kaffee an der Bar bestellt hat, fiel mir erst einmal auf, dass man hier nicht bedient wird: keine Bestellung, keine Bedienung, keine Abrechnung. Ich hätte mich hingesetzt und gewartet bis jemand kommt… oder auch nicht kommt. :)
Neuer Tag, neues Glück. In diesem Sinne: gute Nacht.

aus einer Werbung in Spanien: http://www.youtube.com/watch?v=XA-gAKiiM1I

8.2.2009: Abendgedanken

Februar 8th, 2009

Paella fällt scheinbar aus. Ich kann keine Aufbruchsstimmung bei Daniel bemerken. Nachdem er festgestellt hat, dass er zu Hause wieder ins Internet kommt, ist er nur noch damit beschäftigt zu skypen (Videotelefonie). Da soll noch mal einer sagen, ich wäre internetsüchtig. Und dass die Nachbarn - von denen wir Internet haben - Daniel (und somit mich) vom Netz trennen, wundert mich bei der übermäßigen Auslastung, die er stundenlang verursacht, überhaupt nicht. Ich hoffe nur, die Nachbarn bemerken nichts solange wie Daniel noch da ist. Sonst sitze ich auch wieder ohne da.
Was soll’s. Ich beschäftige mich mit meinem Wörterbuch und schaue spanisches Fernsehen. Angestrengt höre ich zu. Doch beim Versuch zu übersetzen, habe ich schon x andere Sätze verpasst. Oder aber ich verstehe einzelne Wörter, kann aber keinen Sinn daraus machen, weil es immer noch zu viele andere Wörter sind, die ich nicht verstehe. Die spanische Sprechweise ist wie eine Buchstabensuppe im Mixer.

Kalt wie es hier ist, laufe ich jeden Abend mit umgehängter Decke umher. Gerade trinke ich einen warmen Kakao und weiß nicht so recht, ob ich mich auf den nächsten Tag freue. Genau genommen, habe ich überhaupt keine Lust zu schlafen, um dann wieder aufzuwachen und schon wieder einen neuen Tag zu beginnen. Ich bin für den 36-Stunden-Tag.

Wer gesagt hat, dass die Uhren in Spanien langsamer ticken, hat sich geirrt. Sie ticken nicht langsamer. Die Hektik hier scheint mindestens so groß zu sein, wie in deutschen Großstädten. Die Uhren hier gehen einfach nur nach.

Ich habe mich schon eine ganze Weile gefragt, wie ich später mal leben will. Durch die Länder ziehen oder in einem eigenen Haus mich niederzulassen. Ich sitze hier in der Wohnstube der Wohnung, mal abgesehen von der Kälte, ist es ganz gemütlich - wenn auch rustikal -, aber wohl fühle ich mich nicht in dieser Wohnung. Ich denke mehrmals an mein Zimmer in Leipzig. An mein Bett, meinen Schrank oder meinen Arbeitstisch, an die Fenster mit 1a Qualität oder das vernünftige Bad. Ich will definitiv durch die Länder ziehen, ich will sie bereisen, wie ich bei der Bustour nach Granada festgestellt habe. Aber ohne einen festen Sitz, in dem ich mich regenerieren kann, einem Haus, in das ich mich zurückziehen und die Welt draußen lassen kann, kann ich keine Kraft tanken. Jeder hat andere Dinge im Leben, die ihn generieren lassen: bei dem einen sind es Partys, bei dem anderen die Musik, bei dem nächsten die völlige, materielle Freiheit oder es ist die Hingabe an eine Aufgabe. Bei mir ist es mein Zuhause, das mir Ruhe und Ausgeglichenheit schenken soll.

8.2.2009: Ausflug ins Albaicín

Februar 8th, 2009

Endlich mal ausgeschlafen! Trotz des Lärmes vor der Tür. Ich schätze mal, dass ich zu kaputt war, als dass ich hätte früh wach werden können. Bis um 12 bin ich diesen Sonntag ruhig angegangen.

Dann hatte ich festgestellt, dass unsere Nachbarn ein ungesichertes WLAN betreiben! Ich komme also ins Internet. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Ich habe mir gleich mal ein Treffen mit einer anderen Erasmus-Studentin ausmachen können, die mir schon geschrieben hat, ebenfalls enttäuscht zu sein. Es kann also nicht an mir liegen. (Nur für die unter euch, die meinen große Sprüche klopfen zu müssen, von wegen: ich müsse dies und das machen…) Das sie deutsch spricht ist momentan kein Nachteil. Wenn zwei Dumme nichts verstehen, kann es nur besser werden.
Daniel und ich sind ins Albaicín-Viertel der Stadt gegangen. In Granada kann man getrost alles zu Fuß erreichen, wenn man will. Busfahren ist hier auch keine Freude, so voll wie diese sind.

Ganz zu Anfang aßen wir noch in einer Bar names Europa Tapas (Bratkartoffeln) und Hamburger. Ja, Hamburger. Pommes und ein großer Burger für 2,75 Euro. Das soll noch einer meckern.Der Aufstieg ins Viertel war recht anstrengend. Die Straßen bzw. Gassen sind wirklich steil. Weiter in Richtung Gipfel des Viertels begegneten wir vielen Kaputten Autos. Die Leute scheinen sich gar keine Platte zu machen. Der Anblick der Schäden hat mein Herz bluten lassen: Schrammen und Löcher in der Karosserie, abgefahrene oder mit Klebeband befestigte Seitenspiegel und die Krönung: eine geschmolzene Kofferraumklappe. Die Spanier haben wirklich gar keinen Wertbezug zum Materiellen.

Nicht nur zum Matriellen. Gestern wollte ich von Daniel wissen, wie die Spanier es mit Mülltrennung halten. Er meinte nur, ich könnte es ja machen… Besser war es noch beim Einkaufen - ich hätte es wissen müssen, als ich fragte: “Wie ist das hier eigentlich mit dem Pfand?” Er schaute mich nur an und ich wusste: “Alles klar!” Selbst die Interpretation der Ampelfarbe “rot” ist hier anders. Bei uns in Deutschland heißt es “stop”. Hier heißt es: “Wenn du möchtest, bleib stehen. Es ist nur ein Vorschlag.” Es interessiert hier niemanden, auch die Policía nicht.

Im Übrigen klingen die Sirenen hier wie Spielzeug. Aber dafür umso penetranter.

Gleich gehen wir noch Paella essen. Wenn ich mir Franks bilder vom Tintenfisch angucke, vergeht es mir jetzt schon. Zumal wir auch an vielen Ständen vorbeigekommen waren, an denen frischer Fisch und andere Meeresgetier verkauft wird. Sushi riecht schon schlimm, aber hierbei musste ich mich zusammenreißen. Nicht nur kleine Kalamaris werden angeboten, sondern ganze Kraken. Ein halbes Schwein ist auch nicht unüblich…

Morgen geht es weiter…

7.2.2009: Das erste Erwachen

Februar 8th, 2009

Die ganze Nacht gingen mir spanische Wörter durch den Kopf, draußen knallte es ständig und ich fror. Ich wachte mit dem gleichen Knoten im Magen auf, mit dem ich eingeschlafen war. Ich wollte nicht aufstehen und suchte nach Mut.

Als ich Daniel erklärte, dass ich all den Lärm höre, erklärte er mir, dass er das nicht so wahrnimmt. Das war der Moment, als mir klar wurde, dass ich extrem empfindliche Ohren habe. Gewisse Streitigkeiten in Leipzig hätten nicht sein müssen, fiel mir ein. Klar sind manche Menschen laut, aber Zuhause habe ich Ohrstöpsel nur am Morgen gebraucht. Jetzt die ganze Nacht.

Mein Gefühl wurde einfach nicht besser. Ich spazierte zwar mit Daniel durch die Stadt und konnte ihre interessanten Seiten entdecken, die ich mir alle noch einmal in Ruhe ansehen will, aber positiver hat mich der Ausflug nicht gestimmt.

Anschließend einkaufen, meine Bank suchen, eine Gasflasche besorgen. Ich verstehe nach wie vor kein Wort. Einzelne Worte, ja. Aber Sätze… Ich habe fasst das Gefühl, dass ich einfach nicht die Fähigkeit habe, Sprachen zu hören.

Es sind noch 5 Monate mindestens vor mir. Ich bin jetzt an dem Punkt, an dem mir absolut unsicher bin, dass ich das schaffe. Ich war nach Granada gekommen, um Ruhe, Einkehr, Zeit für mich zu finden. Die schönen Seiten im Leben. Einfach mal treiben lassen und Kaffee genießen. Aber sich hier ins Café zu setzen, heißt in eine Tápasbar zu gehen uns das Geschrei der Leute zu ertragen. Ich wollte unbedingt Stress abbauen, aber das scheint mir gerade unmöglich, zumal mich die Sprache dabei mehr behindert, als sie es sollte. Aber wen wundert es, nach dem sch… Forschungspraktikum.

Momentan bin ich alleine Zuhause, um mal etwas zu verdauen. Daniel ist Tischtennisspielen in seiner Fakultät: Ein Abschiedsturnier. Ich bin nach Granada gekommen, um mehr über mich zu erfahren. Darüber, was ich will und brauche und suche. Meine Grenzen erfahren, über vergangene Dinge nachdenken und meinen Weg für die Zukunft finden. Ich weiß nicht, ob das noch klappt ohne eine Rückzugsmöglichkeit in dieser Stadt, geschweige denn in der Wohnung – außer es zieht keiner mehr ein und ich bleibe alleine wohnen.

Aber etwas wurde mir jetzt schon klar. Ich vermisse euch. Das ist etwas, das so überhaupt nicht von mir erwartet war. Denn gerade von den wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich mich distanziert. Distanz hatte dafür gesorgt, dass ich in Leipzig nichts vermisse. Distanz hatte dafür gesorgt, dass mir alles egal wurde, solange man mich zufrieden lässt. Distanz hatte dafür gesorgt, dass ich mich nichts und niemand mehr enttäuschen kann. Das letzte Jahr in Leipzig war hart, anstrengend, enttäuschend.

Es hat funktioniert. Doch bereits am Tag vor meiner Abreise, wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Nachdem ich alle wieder regelmäßig treffen konnte, war da keine Distanz mehr. Und jetzt, wo ich gegangen bin, fühle ich mich beschissen. Einsam. Hier in dieser Wohnung zu wandeln, fühlt sich an wie im Studentenwohnheim von Halle zu sein. Es war meine erste eigene kleine Wohnung. Nur ich und sonst niemand. Aber das macht mir nun Angst. Ich kann mir gerade nur schwer vorstellen, bald einmal alleine zu wohnen. Und das, obwohl ich ein Einzelkämpfer bin.

Aber das ist es ja, was ich wollte, nicht wahr? Abstand von allem, um einen klaren Blick auf die Dinge zu bekommen, sie zu verstehen und…? Was mache ich dann damit? Sich seines Selbst bewusst zu sein, muss nicht heißen, damit umgehen zu können.

Ich bin froh noch ein paar persönliche Dinge als Erinnerung und Glücksbringer bekommen zu haben. Ich bin froh, sie dabei zu haben. Der Gedanke, dass alle noch da sind, wenn ich wieder da bin, beruhigt zumindest ein wenig. Ich hoffe, dass die Zeit hier kein Fehler wird, der mir letztlich mehr schadet, als dass er mir helfen sollte. Wir werden sehen. Von Natur aus bin ich Stur und je mehr man mich provoziert, desto mehr stemme ich mich gegen. Mal sehen, ob das gegen Granada oder gegen das Aufgeben heißen wird. Morgen gehen wir mit Daniels Freunden Paella essen (Pfui!), mal sehen, ob ich wieder so verzweifle – nicht nur am Essen.

Es tat jedenfalls gut, mir das von der Seele zu schreiben.

6.2.2009: Ankunft

Februar 8th, 2009

Es sollte das erste Mal sein, dass ich mit dem Flugzeug fliege. Während die gesamte Verwandtschaft am Flughafen fleißig winkte, hob ich ab gen Himmel. Ich war erfreut und beunruhigt über den Flug zugleich. Es war spannend den Erdboden aus einer anderen Perspektive zusehen. Es passte gar nicht in meine bisherigen Kenntnisse des Sehens. So konnte ich förmlich spüren wie sich neuen Nervenverbindungen in meinem Gehirn schlossen!

Der Flug selbst war dann gewöhnungsbedürftig. Bei jeder unruhigen Bewegung des Flugzeugs wurde mir ganz anderes. Darum habe ich auch nie die Stewardessen aus den Augen gelassen, um jedes Anzeichen möglicher unvorhergesehener Turbulenzen so früh wie möglich registrieren zu können.

Die Aussicht war mager. Nur Wolken, Wolken, Wolken. Gesamt Frankreich und die Schweiz waren von Wolken bedeckt. Ab und zu konnte ich die Alpen sehen und dann erst wieder spanisches Land.

Im übrigen frage ich mich, warum die Leute im Fernsehen immer so viel Platz im Flugzeug haben. Ich kam mir vor wie in einer Sardinenbüchse. Beinfreiheit gab es nicht.

Als ich landete, dachte ich, meinem Traum vom Leben endlich nahe zu sein. Es war ein traumhafter Anblick über Málaga hereingeschwebt zu kommen: Rechts aus meinem Fenster das Festland und die Strände gesäumt von Hotels und anderen Unterkünften, unter mir das azurblaue Meer. Eine elegante Wende über dem Meer und ich setzte auf. Da!

So, Gepäck suchen war angesagt. Zwei Mal wurde das Gepäckband gewechselt, bis endlich 15 Minuten später meine Koffer kamen. Ich kam schon leicht ins Schwitzen, wo sie bleiben.

Draußen suchte ich dann den Bus in die Innenstadt von Málaga. Es waren sonnige 15°C. Als der Bus kam und ich mich noch fragte, ob es „un vez“ oder „una vez“ heißt (ein Mal), nuschelte ich dem Busfahrer ein „unnn vez“ entgegen, damit er mit irgendwas entgegennuschelte, das mir sagen sollte, dass er nur Münzen annimmt. Im Nachhinein kann ich mir vorstellen, was er gesagt hat, verstanden habe ich aber nada! Da dachte ich mir bereits, dass es lustig werden wird.

Málaga ist keine schöne Stadt. Überall Baustellen. Nur Plattenbauten. Absolut hässlich.

Als ich an der zentralen Bushaltestelle ankam war ich gleich mit dem nächsten Anblick überfordert: So viele Reisebusse und Menschen die dort warteten und Lautsprecher, die irgendwas brüllten, was ich nicht erkannte. Und irgendwo dort im dem Gewühl sollte ich den Schalter der Busgesellschaft finden. Cleverer weise stellte ich mich dumm und rannte einfach mal los, bis zu ich eine Schlange fand. Das würde schon die Richtige sein und deswegen stellte ich mich mit an. Dann mein erster vernünftiger Satz… bei dem ich mich auch sogleich versprechen musste: Un billete para… äh no a Granada – Ein Ticket nach Granada. Tada: Sie lächelte und ich hatte mein Ticket. Da hieß es nur noch den Richtigen Bus zu finden. Auf dem Fahrschein stand „Bus 1“. Es sind aber nicht die Busse mit Nummern versehen, sondern die Haltestellen. Ich als akkurater Deutscher störte mich natürlich daran und schlich um alle Haltestelle um wirklich sicher zu sein, dass ich nicht irgendwo ins Nirgendwo fahre.

Die Fahrt letztlich durch Andalusien war genauso traumhaft wie schon die Landung. Neben mir saß eine – ich tippe auf – Schwedin. In dem Moment, umgeben von Spanierinnen und ihren braunen oder schwarzen Haaren sowie ihrer gebräunten Haut und den dunklen Augen, wusste ich definitiv, auf welchen Typ Frau ich stehe. Aber das führe ich jetzt nicht aus… ;) Welche Sprache sie auch immer gesprochen hat, sie klang niedlich.

In Granada an einer anderen zentralen Bushaltestelle angekommen, war nun die Frage: Bus nehmen oder Taxi fahren? Ich haderte und entschied mich für das Taxi. Als der Fahrer erkannte, dass ich nicht von hier bin, zögerte er auch nicht sofort und in der Hoffnung, dass ich es nicht sehe, das Taxameter etwas zu erhören. Als wenn ich sowas nicht mitbekomme… Das hat bestimmt einen Euro extra gemacht. Was soll’s. Ich hätte ihm eh nicht auf spanisch erklären können, dass ich das gesehen habe. Und nuschelte wieder ein Gracias und er war weg.

Dann stand ich vor meiner Wohnung – irgendwo. Als ich mir die Straße so ansah, wurde mich das erste Mal schon ganz anders. Verkehr, überall. Um die Uhrzeit noch (20 Uhr). Als mein Vorbewohner Daniel dann auch noch aus einem Eingang an dieser Hauptstraße kam wusste ich, dass ich das „ganz große Los“ gezogen habe. Der Anblick meines Zimmers und der Qualität der Fenster, Türen, Wände usw. haben das Gefühl noch getoppt. Stellt euch ein kleines Bad vor: So groß ist mein Zimmer.

Die Fenster haben ungefähr die Qualität von Fenstern aus alten Kuhställen. Es ist Kalt  in der ganzen Wohnung. Da nützt auch keine Heizung. Ob zu oder offen, die Fenster halten nichts ab. Keine Kälte und schon gar nicht den Lärm. Und dabei wollte ich dem Lärm von Leipzig und Zuhause entfliehen, um abzuschalten.

Ich fing an zu zweifeln, ob das wirklich mein Traum von Spanien sein würde. Ich überlegte, welche Alternativen ich habe, aber das Zimmer, die Wohnung wechseln war nicht mehr drin – Kaution war bezahlt. Da ich an dem Abend noch eine zweite WG kennenlernte, sah ich, dass der Zustand dort nicht anders war. Besser noch: dort wurde die Wohnstube und ein Zimmer nur per Plastikschiebetür abgetrennt.

Als Daniel und ich in die erste Bar gingen, merkte ich, dass es schwierig werden wird. Richtig schwierig! Ich verstand kein Wort. Mein spanisch, dass zum üben in der Uni ausreichte, war hier nichts wert. Das merkte ich auch in der WG, die wir besuchten.

Ich ging allein nach Hause, während Daniel noch in der anderen WG blieb und dort gefeirt wurde. Ich war einfach alle nach der Reise. Auf der Straße spürte ich wieder, wie ich von der nächtlichen Hektik und dem Chaos erfasst wurde. Ich fühlte mich immer unwohler hier. Das ist nicht das Granada, das ich erwartet habe, von dem mir erzählt wurde, das mir an Herz gelegt wurde als Erasmusziel auszuwählen. Die Bilder, die ich von Granada kannte, waren andere. In Wirklichkeit protzen hier die Plattenbauten. Hier mischt sich DDR-Baustiel mit USA-Klimaanlagen-Fetisch. Ich weiß nicht, was meine Augen mehr verletzte.

Die erste Nacht wurde demnach furchtbar. Ich legt mich erst in einem Zimmer zum Schlafen, als mir das zu laut wurde, wanderte ich in ein anderes, um dort wieder vom Nachbarn wachgequatscht zu werden, der noch zusätzlich ordentlich Musik anmachte. Also wieder zurück im ersten Zimmer, steckte ich mir widerwillig meine Ohrstöpsel in die Ohren.

Ich hatte mich gefreut, sie nie wieder zu brauchen und dann das.

In meinem Zimmer, in dem noch Daniel schläft, werden mich dann der Fahrstuhl sowie die knallenden Türen des Hausflures wachhalten. Ich wollte doch nur ein wenig Ruhe…



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